Reinhold Junker
Reetdachdeckermeister i. R., Altes Land bei Hamburg
Ich bin Reetdachdeckermeister. 1987 habe ich den Betrieb meines Lehrmeisters übernommen und bis 2025 geführt, zuletzt mit Sitz in Dollern im Alten Land. Heute gebe ich weiter, was ich in über 40 Jahren auf dem Dach gelernt habe.

Meine Familie kam aus dem Rheinland. Aufgewachsen bin ich in Bützfleth bei Stade, in einem Haus, das irgendwann ein Reetdach bekam. Aus einer Reetdachdeckerfamilie komme ich nicht. Aber als bei meinen Eltern der Reetdachdecker kam, habe ich mitgeholfen: Reet geschnitten, hochgetragen, im Dach gesessen und die Seile angereicht. In den Ferien habe ich mir so ein paar Mark verdient. Eigentlich wollte ich Tischler werden. Es wurde dann das Reet, und diesen Beruf habe ich lieben und schätzen gelernt.
Gelernt habe ich von 1979 bis 1981 in einem kleinen Familienbetrieb in Kehdingen: der Chef, sein Sohn, ein Helfer und ich als Lehrling. Mein Lehrmeister war nur Reetdachdecker, wie schon sein Vater, und nebenbei hatten sie Landwirtschaft mit ein paar Milchkühen. Im Sommer ging es also auch mal in die Heuernte. Für mich als Sohn einer Familie aus dem Rheinland war schon das Plattdeutsch eine neue Welt. Damals war Reetdachdecker noch kein eigener Ausbildungsberuf, und ich war nach langer Zeit wieder der erste Lehrling in diesem Handwerk. Ein Kollege aus Kehdingen hat mich zur Reeternte mitgenommen, und seitdem weiß ich, dass man das Material besser versteht, wenn man sein Reet selbst geerntet hat.
Nach der Gesellenprüfung bin ich nach Nordfriesland gegangen, in die Gegend bei Niebüll, wo der Zug nach Sylt abfährt. Ich habe damals überlegt, auf die Walz zu gehen, und mich nicht getraut, das bereue ich heute ein bisschen. In Nordfriesland deckt man flacher, mit sehr runden Gauben, und das wollte ich kennenlernen. Dort habe ich auch gelernt, dass man beim Ausbessern von unten nach oben deckt, mit langem Reet, dann halten die Dächer länger. Zurück im Alten Land hat mir ein Reetdachdecker in Steinkirchen den letzten Schliff gegeben, gerade bei den Ausbesserungen.
1987 habe ich nach der Meisterprüfung den Betrieb meines Lehrmeisters übernommen, den Familienbetrieb in Kehdingen, in dem ich gelernt hatte. Vorher war ich auf der Meisterschule am BBZ in Stade, die Meisterprüfung in der Reetdach-Technik habe ich 1987 abgelegt. Angefangen habe ich mit einem Mitarbeiter, dann waren es zwei, 1988/89 kamen die ersten beiden Auszubildenden. Um 1990 waren wir sechs bis acht Leute. Später hatte der Betrieb seinen Sitz in Dollern, in der Altländer Straße 4. Dort habe ich auch gewohnt, natürlich unter Reet, denn ein Reetdachdecker muss doch in einem Reetdachhaus wohnen. Mein eigenes Dach musste ich seit 1984 nicht neu decken. Im Januar 2021 habe ich das alte Reet abgerissen, um das Dach neu zu decken, nach rund 37 Jahren.
Nach dem Mauerfall kamen Kollegen aus Ostdeutschland und Osteuropa in den Norden. Sie arbeiteten anders als wir: Manche Mecklenburger nutzten Salzwasserreet von der Küste Rügens, polnische Dachdecker hatten noch mit Roggenstroh gelernt. Ich habe ihre Techniken kennengelernt und möchte diese Erfahrung nicht missen.
Neben dem Dach habe ich mich immer weitergebildet, 1995 bei der BG BAU in Hamburg zur Fachkraft für Arbeitssicherheit, dort habe ich bis 1997 gearbeitet. Später kam die Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel an der Stader Privatschule, danach zwei Jahre bei Gerd Heinssen Baustoffe in Horneburg. Von 2002 bis 2010 war ich freier Dozent für Ausbildungshilfe beim IBB Institut für Berufliche Bildung in Buxtehude, 2013 habe ich die Ausbildereignungsprüfung abgelegt. Seit 2016 bin ich freier Sachverständiger für Schäden an Gebäuden (Verband freier Bau- und Bodensachverständiger).
Mit vielen Kollegen bin ich gut vernetzt. 2016 haben wir die Landesfachgruppe Reet gegründet, für die Reetdachdecker aus Niedersachsen, Bremen und Hamburg, und ich war ihr Vorsitzender. Einmal im Jahr treffen sich die Reetdachdecker aus ganz Deutschland zur Bundesfachgruppe. Über das internationale Reetdachdecker-Treffen kenne ich Kollegen aus den Niederlanden und Dänemark, aus Japan und Südafrika. In Japan war ich auf einer Konferenz, auf der Handwerker aus aller Welt einander in Workshops ihre Tricks zeigten.
Ein paar Baustellen sind mir besonders im Gedächtnis. Einzelne Aufträge haben mich bis ins Saarland und nach Dänemark geführt. 2015 habe ich im Keltendorf Otzenhausen im Saarland gearbeitet. 2016/17 hat mein Betrieb das Dach der Durchfahrtsscheune an der Harburger Straße in Stade neu gedeckt, ein Baudenkmal mit Holz von 1750. Über die Jahre haben mich NDR und Sat.1 bei der Reeternte begleitet, das ZEITmagazin auf einer Baustelle in der Wingst, das Stader Tageblatt und das Hamburger Abendblatt auf Dächern in Götzdorf und Bützfleth. Mehr dazu unter Projekte und Presse.
Meine Söhne waren oft dabei. Till hat die meisten Fotos und Filme gemacht, er hat die Website gebaut und produziert unseren Podcast. Angefangen hat das damit, dass wir zusammen Computer gebaut haben. Jasper hat mir in den letzten Jahren auf dem Dach geholfen. Und auf jeder Baustelle war meine weiße Schäferhündin Thyra dabei.
Im Mai 2025 habe ich meinen Betrieb eingestellt. In den Jahren davor waren die Auftragsbücher voll, aber Fachkräfte zu finden war kaum noch möglich. Das Handwerk lässt mich trotzdem nicht los.
Lebensweg
- 1963
Geboren
Ich komme 1963 zur Welt, meine Familie stammt aus dem Rheinland.
- 1970er
Kindheit unter Reet
Ich wachse in Bützfleth bei Stade auf. Mein Elternhaus bekommt ein Reetdach, und in den Ferien helfe ich den Reetdachdeckern.
- 1979 bis 1981
Lehre in Kehdingen
Ich lerne in einem kleinen Familienbetrieb in Kehdingen, in dem außer mir als Lehrling der Chef, sein Sohn und ein Helfer arbeiten. Mit einem Kollegen lerne ich die Reeternte kennen.
- 1981
Nordfriesland
Nach der Gesellenprüfung gehe ich in die Gegend bei Niebüll. Dort deckt man flacher und mit runden Gauben, und ich lerne, beim Ausbessern von unten nach oben mit langem Reet zu arbeiten.
- 1980er
Steinkirchen im Alten Land
Bei einem Reetdachdecker in Steinkirchen bekomme ich den letzten Schliff, vor allem bei Ausbesserungen.
- 1984
Das eigene Reetdach
Seit 1984 musste das Reetdach auf meinem Haus in Dollern nicht neu gedeckt werden.
- 1986 bis 1987
Meisterschule in Stade
Ich besuche die Meisterschule am BBZ Stade der Handwerkskammer und mache die Meisterprüfung im Bereich Reetdach-Technik. Fachtheorie und Fachpraxis lege ich in einer eigenen Prüfung ab, dafür erhalte ich eine Sondergenehmigung.
- 1987
Betrieb übernommen
Nach der Meisterprüfung übernehme ich den Betrieb meines Lehrmeisters in Kehdingen, zuerst mit einem, dann mit zwei Mitarbeitern. Später hat der Betrieb seinen Sitz in Dollern.
- 1988/89
Die ersten Auszubildenden
Die ersten beiden Lehrlinge kommen in den Betrieb. Um 1990 arbeiten sechs bis acht Leute bei mir.
- 1989
Mauerfall
Kollegen aus Ostdeutschland und Osteuropa decken jetzt auch im Norden. Ich lerne ihre Techniken kennen.
- 1995 bis 1997
Fachkraft für Arbeitssicherheit
Ich bilde mich bei der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft in Hamburg weiter und arbeite danach bei der BG BAU als Fachkraft für Arbeitssicherheit.
- 1999 bis 2002
Kaufmann im Groß- und Außenhandel
Ich mache die Ausbildung an der Stader Privatschule und arbeite danach zwei Jahre bei Gerd Heinssen Baustoffe in Horneburg.
- 2002 bis 2010
Freier Dozent
Ich bin freier Dozent für Ausbildungshilfe beim IBB Institut für Berufliche Bildung in Buxtehude.
- 2009 und 2010
Reeternte im Fernsehen
Der NDR und Sat.1 begleiten mich beim Reetschneiden im Winter. Mein Reet ernte ich in diesen Jahren wieder selbst, mit der Hand.
- 2012 bis 2013
Ausbildereignungsprüfung
Ich lege die Ausbildereignungsprüfung bei der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade ab.
- 2015
Keltendorf Otzenhausen
Ich arbeite auf einer Baustelle weit weg vom Alten Land, im Keltendorf Otzenhausen im Saarland.
- 2016
Sachverständiger und Landesfachgruppe Reet
Ich werde freier Sachverständiger für Schäden an Gebäuden. Im selben Jahr gründen wir die Landesfachgruppe Reet für Niedersachsen, Bremen und Hamburg.
- 2016 bis 2017
Durchfahrtsscheune in Stade
Mein Betrieb deckt das Reetdach der Durchfahrtsscheune an der Harburger Straße 74 neu, eines Baudenkmals mit Holz von 1750.
- 2016 bis 2018
Dieter Kunze
An der Durchfahrtsscheune arbeite ich mit Dieter Kunze zusammen, dem Vorstand der Stader Stiftung für Kultur und Geschichte und Ortskurator der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Ich schätze den Austausch mit ihm und seinen Einsatz für die alten Reetdachhäuser sehr. Im August 2018 stirbt er mit 78 Jahren.
- 2019
ZEITmagazin
Das ZEITmagazin begleitet mich auf einer Baustelle in der Wingst, der Artikel heißt „Dächlein, deck dich“.
- 2020 bis 2022
Der Reetdach-Podcast
Mit meinem Sohn Till starte ich den Reetdach-Podcast, in dem ich von der Arbeit auf dem Dach erzähle.
- 2021
Das eigene Dach kommt herunter
Im Januar 2021 reiße ich das alte Reetdach meines Hauses in der Altländer Straße 4 ab, um es neu zu decken. Seit 1984 hatte es rund 37 Jahre gehalten.
- 2025
Betrieb eingestellt
Im Mai 2025 stelle ich meinen Betrieb ein. Als Sachverständiger, im Podcast und über mein Netzwerk bleibe ich dem Reet verbunden.
Was ich heute mache
Dächer decke ich nicht mehr. Meine Erfahrung aus über 40 Jahren und meine Kontakte gebe ich aber weiter:
- als Sachverständiger für Schäden an Gebäuden, wenn es um einen konkreten Schaden geht,
- in der Beratung, wenn Sie ein Reetdachhaus kaufen, verkaufen oder sanieren wollen,
- über mein Netzwerk: Ich kenne Reetdachdecker und Fachleute in ganz Deutschland und in Europa und sage Ihnen gern, an wen Sie sich wenden können,
- im Podcast und im Wissensbereich dieser Website, in denen ich erzähle, was ich auf dem Dach gelernt habe.
In der Presse
- Stader TageblattNach Großbrand in Dollern: Wie brandgefährlich sind Reetdächer?
- Hamburger AbendblattReetdachhäuser im Alten Land: So viel Arbeit steckt drin
- Stader TageblattEr steigt Reethäusern aufs Dach