Reinhold Junker Reetdachdeckermeister · Altes Land

Mein Weg aufs Dach: von Bützfleth nach Dollern

Eigentlich wollte ich Tischler werden. Dann kam der Reetdachdecker zu meinen Eltern, und ich durfte mithelfen.

Reinhold Junker29. September 20264 Min. Lesezeit

Reinhold Junker in seinen Anfangsjahren am Dach. Ort und Jahr sind unbekannt, das Foto stammt aus dem Familienalbum.
Reinhold Junker in seinen Anfangsjahren am Dach. Ort und Jahr sind unbekannt, das Foto stammt aus dem Familienalbum.
Inhalt
  1. Lehre in Kehdingen
  2. Nordfriesland und Steinkirchen
  3. Meister und eigener Betrieb
  4. Die letzten Jahre

Meine Familie stammt aus dem Rheinland. Meine Eltern hatten ein Reetdachhaus in Bützfleth, und irgendwann musste dort der Reetdachdecker kommen. Ich habe zugeschaut und mitgeholfen: Reet geschnitten, hochgetragen. Als Schüler habe ich in den Ferien für ein paar Mark auf Reetdachbaustellen gearbeitet. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Aus einer Reetdachdeckerfamilie komme ich nicht.

Eigentlich wollte ich Tischler werden. Aber Ende der 1970er-Jahre war keine Tischlerstelle zu bekommen. Das ZEITmagazin hat das 2019 so aufgeschrieben: fünf Jahre nach der ersten Ikea-Eröffnung in Deutschland (ZEITmagazin 2019). Also wurde ich Dachdecker, mit Reet.

Lehre in Kehdingen

1979 habe ich meine Ausbildung angefangen, in einem kleinen Familienbetrieb in Kehdingen. Wir waren zu viert: der Chef, sein Sohn, ein Helfer und ich als Lehrling. Mein Chef war, wie schon sein Vater, nur Reetdachdecker. Der Betrieb hatte nebenbei Landwirtschaft mit ein paar Milchkühen, und im Sommer wurde auch mal Heu gemacht. Das passt: Das Reetdach kommt eigentlich aus der Landwirtschaft.

Reetdachdecker war damals kein eigener Ausbildungsberuf. Das Hamburger Abendblatt schreibt, ich sei nach 25 Jahren wieder der erste Lehrling in diesem Handwerk gewesen (Hamburger Abendblatt, 6. Mai 2024). Als Sohn einer rheinischen Familie war für mich auch das Plattdeutsch auf der Baustelle erst einmal eine neue Welt. Manchmal haben Hausbesitzer ein paar Monate mitgearbeitet und so einen Teil ihres Daches mit eigenem Schweiß bezahlt. Heute kann man sich das kaum noch vorstellen.

Nordfriesland und Steinkirchen

1981 war ich fertig. Nach ein paar Monaten im Lehrbetrieb wollte ich andere Techniken kennenlernen und ging nach Nordfriesland, in die Gegend bei Niebüll, wo der Zug nach Sylt abfährt. Dort deckt man flacher, die Gauben sind rund. Das kannte man bei uns zwar, gemacht hat man es aber nicht. In Niebüll habe ich auch gelernt, dass man beim Ausbessern von unten nach oben deckt, mit langem Reet. Dann halten die Dächer länger (ZEITmagazin 2019). Auf die Walz zu gehen, habe ich mich damals nicht getraut. Heute bereue ich das ein bisschen.

Zurück im Alten Land habe ich bei einem Reetdachdecker in Steinkirchen gearbeitet. Er hat mir den letzten Schliff gegeben, vor allem bei Ausbesserungen.

Meister und eigener Betrieb

1986 und 1987 war ich auf der Meisterschule in Stade, 1987 habe ich die Meisterprüfung abgelegt und danach den Betrieb meines Lehrmeisters in Kehdingen übernommen, erst mit einem, dann mit zwei Mitarbeitern. Später hatte der Betrieb seinen Sitz in Dollern. 1988/89 kamen die ersten beiden Auszubildenden, um 1990 waren wir sechs bis acht Leute. Mein eigenes Haus in der Altländer Straße 4 hat natürlich ein Reetdach. Neu decken musste ich es seit 1984 nicht (ZEITmagazin 2019). Im Januar 2021 habe ich das alte Reet abgerissen, um das Dach neu zu decken. Gut 35 Jahre hatte es gehalten.

Nach dem Mauerfall habe ich die Techniken ostdeutscher und osteuropäischer Kollegen kennengelernt (Stader Tageblatt 2022). Später war ich auf einer Reetdachdecker-Konferenz in Japan, und einzelne Aufträge haben mich bis ins Saarland und nach Dänemark geführt. 2015 hatte ich eine Baustelle im Keltendorf Otzenhausen im Saarland. Neben dem Dach habe ich mich weitergebildet: zur Fachkraft für Arbeitssicherheit bei der BG BAU, als freier Dozent am IBB in Buxtehude von 2002 bis 2010, mit der Ausbildereignungsprüfung 2013 und 2016 als Sachverständiger für Schäden an Gebäuden (LinkedIn). Im selben Jahr haben wir die Landesfachgruppe Reet für Niedersachsen, Bremen und Hamburg gegründet.

Die letzten Jahre

Es wurde nicht leichter, Leute zu finden. 2022 in Götzdorf war ich am Ende allein auf dem Dach, weil der Geselle krank wurde und die Helfer nicht blieben (Stader Tageblatt 2022). 2024 habe ich die Aufträge nur mit meinem Sohn Jasper geschafft (Hamburger Abendblatt, 6. Mai 2024). Viele Fotos und Filme von meinen Baustellen sehen Sie auf dieser Website und in der Projektübersicht.

Im Mai 2025 habe ich meinen Betrieb eingestellt. Die Leidenschaft für diesen Beruf habe ich nie ablegen können, und deshalb erzähle ich jetzt im Podcast davon und berate Hausbesitzer, die Fragen zu ihrem Dach haben.