Woher das Reet kommt: von der Elbe bis in die Türkei und zurück an die Schwinge
Das Reet auf den Dächern im Alten Land wuchs früher vor der Haustür. Dann kam es aus Österreich und Ungarn, heute oft aus der Türkei oder China. Reinhold Junker hat diesen Wandel miterlebt und zeitweise selbst geerntet.

Inhalt
Film
Reeternte im NDR
NDR, 2009 · im Filmarchiv
Reet für die Dächer an der Niederelbe kam früher von der Elbe. Um die Jahrtausendwende wurden die Schilfflächen dort zu Naturschutzgebieten, und das Reet kam vom Neusiedler See in Österreich und vom Plattensee in Ungarn. Heute stammt es oft aus Rumänien, der Türkei oder China (ZEITmagazin 2019). Reinhold Junker hat in dieser Zeit zeitweise selbst geerntet und erlebt, wie ungarisches Reet wegen Phosphatbelastung aus der Mode kam. Seit einigen Jahren wird in der Region wieder mehr geschnitten, etwa an der Schwinge (Hamburger Abendblatt, 6. Mai 2024).
Zahlen und Statistik zum Import stehen im Beitrag Woher kommt das Reet auf deutschen Dächern?. Hier geht es um den Weg, den das Reet in Reinholds Berufsleben genommen hat.
Wie wurde Reet früher geerntet?
Als Reinhold in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufwuchs, trugen im Alten Land noch die meisten Dächer Reet, und Schilf gab es an der Elbe im Überfluss. Im Winter, wenn der Boden gefroren war, schlugen die Bauern das Reet, kämmten es, befreiten es also von Blättern und Unkraut, trockneten es und banden es auf die Dächer (ZEITmagazin 2019). Wurde ein Dach abgedeckt, kam das alte Reet als Kompost zurück in die Erde. Heute gehört abgedecktes Reet nach dem ZEITmagazin meist in den Sondermüll.
Auch in Reinholds Lehrzeit in Kehdingen gab es noch Kollegen, die ihr eigenes Reet schnitten. Er durfte einen von ihnen begleiten und sagt im Podcast: Wenn man selbst Reet geerntet hat, versteht man das Material besser, man fühlt es besser und kann gutes und schlechtes Material besser auseinanderhalten (Reetdach-Podcast, Folge 01).

Wann ist die beste Zeit für die Reeternte?
Im Winter, wenn die Pflanze ihre Blätter abgeworfen hat, meist nach dem ersten Frost. Am besten ist eine längere Frostperiode, weil das Material dann trocken friert, sagt Reinhold im Podcast, teilweise bei minus 10 oder minus 15 Grad (Reetdach-Podcast, Folge 01). Danach wird das Reet gesäubert und zu Bunden gebunden.
Ein Sat.1-Beitrag von 2010 erklärt, warum der Frost so wichtig ist: Bei Minusgraden brechen die Halme leichter, und die Wurzeln bleiben in der Erde, sodass das Schilf im nächsten Jahr nachwachsen kann (Sat.1 2010).

Warum hat Reinhold sein Reet selbst geschnitten?
Jahrelang hatte er beim Reethändler bestellt. Dann besann er sich, wie er Sat.1 sagte: Die anderen Reetdachdecker hätten früher auch Reet geschnitten und ihr Material selbst gemacht, das könne er doch auch. Am Anfang habe er Schwierigkeiten gehabt, bis er den Bogen raus hatte. Laut dem Beitrag erntete er zu diesem Zeitpunkt seit drei Jahren selbst, mit einem Handwerkszeug, das nach seiner Schätzung 50 oder 60 Jahre alt war (Sat.1 2010).
Der Aufwand ist groß. Je nach Dachgröße brauche man 1.500 bis 1.800 Bunde, sagte er, und mit der Hand sei man allein gut vier bis fünf Wochen damit beschäftigt (Sat.1 2010). Der NDR begleitete ihn 2009 in die Feuchtwiesen des Alten Landes: minus ein Grad, der Boden noch gefroren, die Halme zwei bis drei Meter lang. Während viele Kollegen mit Mähmaschinen arbeiteten, schwor er auf sein Handwerkszeug, weil er damit sauberer schneiden könne (NDR 2009).



Warum kam das Reet nicht mehr von der Elbe?
Je näher die Jahrtausendwende rückte, desto mehr Schilfflächen an der Elbe wurden zu Naturschutzgebieten erklärt. Reet konnte dort nicht mehr geschnitten werden (ZEITmagazin 2019). 2022 nannte Reinhold dem Stader Tageblatt einen weiteren Grund: Viele Reetflächen seien als Ausgleichsflächen für Bauprojekte ausgewiesen und dürften nicht beerntet werden (Stader Tageblatt 2022).
Was war mit dem Ungarn-Reet?
„Früher wurde größtenteils das sogenannte Ungarn-Reet verarbeitet“, sagte Reinhold 2024 dem Hamburger Abendblatt. Bis sich herausstellte, dass dieses Reet zu sehr mit Phosphaten aus der Landwirtschaft belastet war. „Jetzt verarbeiten wir eher Ware aus der Türkei, China oder manchmal aus Rumänien“ (Hamburger Abendblatt, 6. Mai 2024).
Warum Nährstoffe ein Problem sind, hat er dem Tageblatt erklärt: Reet wächst am Wasser. Je mehr Gülle und Dünger aus der Landwirtschaft in die Flüsse gelangen, desto mehr Nährstoffe bekommt es. Es wächst schneller, ist aber anfälliger für Mikroorganismen wie Pilze, die das Reet auf dem Dach später zersetzen (Stader Tageblatt 2022). Mehr dazu im Beitrag Warum Reetdächer verrotten.
Wie weit reist das Reet heute?
Für das Dach in Götzdorf kam das Reet 2022 aus der Türkei (Stader Tageblatt 2022). Eine Umfrage der Universität Greifswald unter Reetdachdeckern ergab für 2018 einen Importanteil von 83 Prozent (Becker u. a. 2020).


Kommt das Reet zurück in die Region?
Ein Stück weit. Viele Flächen in der Region, auf denen früher regelmäßig Reet geschnitten wurde, seien unter Naturschutz gestellt worden, erzählte Reinhold dem Abendblatt. Das Schilf wurde nicht mehr geschnitten, brach ab und landete in kleinen Nebenflüssen. „Die mussten dann für viel Geld von dem vergammelten Schilfrohr befreit werden. Also geht man jetzt doch wieder dazu über, das Reet zu schneiden und für die Dächer in der Region zu verarbeiten“ (Hamburger Abendblatt, 6. Mai 2024).
Auf seiner Baustelle in Bützfleth 2024 wurde solches Reet verbaut: Der Eigentümer hatte es selbst von der Schwinge besorgt, aus den Schwingewiesen (Hamburger Abendblatt, 6. Mai 2024).

Das Abendblatt schreibt in demselben Artikel, Reet wachse in der Region, die Lieferwege seien kurz und Engpässe so gut wie ausgeschlossen. Das passt nicht ganz zu Reinholds eigener Aussage, dass heute eher Ware aus der Türkei, China oder Rumänien verarbeitet wird. Beides stimmt in Teilen: Regionales Reet gibt es wieder, aber der größte Teil kommt weiterhin von weit her.
Was heißt das für Bauherren?
Fragen Sie Ihren Reetdachdecker, woher das Reet kommt und wie er es prüft. Reinhold kritisierte 2019 im ZEITmagazin, dass viele Dachdecker früher nicht einmal die Feuchte der Halme maßen oder nach der Herkunft fragten (ZEITmagazin 2019). Woran Sie gutes Reet erkennen, steht im Beitrag Gutes Reet erkennen.
Kurz beantwortet
Woher kam das Reet im Alten Land früher?
Von der Elbe. Die Bauern schlugen es im Winter bei gefrorenem Boden, kämmten, trockneten und banden es auf. Um die Jahrtausendwende wurden die Schilfflächen an der Elbe Naturschutzgebiete.
Warum wird kein Ungarn-Reet mehr verwendet?
Nach Reinhold Junker stellte sich heraus, dass es zu stark mit Phosphaten aus der Landwirtschaft belastet war. Nährstoffreiches Reet wächst schneller, ist aber anfälliger für Pilze, die es auf dem Dach zersetzen.
Woher kommt Reet heute?
Oft aus der Türkei, aus Rumänien und aus China. Eine Umfrage der Universität Greifswald ergab für 2018 einen Importanteil von 83 Prozent. Regional wird inzwischen wieder mehr geschnitten, etwa an der Schwinge.
Wann wird Reet geerntet?
Im Winter, wenn die Blätter abgefallen sind, am besten bei längerem Frost. Dann friert das Material trocken, die Halme brechen leichter und die Wurzeln bleiben in der Erde.
Quellen
- Jakob Simmank, ZEITmagazin (2019): Reetdächer: Dächlein, deck dich. zeit.de
- Rachel Wahba, Hamburger Abendblatt (2024): Reetdachhäuser im Alten Land: So viel Arbeit steckt drin. 06.05.2024. Belegexemplar im Archiv von Reinhold Junker.
- Silvia Dammer, Stader Tageblatt (2022): Er steigt Reethäusern aufs Dach. tageblatt.de
- Reinhold Junker im Reetdach-Podcast (2022): Folge 01: Die Geschichte des Reetdachs und Reinholds Werdegang. Podcast
- Sat.1 „19:30“ (2010): Reeternte bei Frost (Beitrag über Reinhold Junker). vimeo.com/10060446
- NDR (2009): Reeternte im NDR (Reetschneiden im Alten Land und Kundentermin). vimeo.com/2945615
- L. Becker, S. Wichmann, V. Beckmann (2020): Common Reed for Thatching in Northern Germany. Resources 9(12), 146. doi.org/10.3390/resources9120146
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