Neues Reet für ein Denkmal: Wie die Stader Durchfahrtsscheune 2016/17 neu gedeckt wurde
Erst kam das alte Reet herunter, dann kamen neue Rundlatten auf den Dachstuhl und darauf Bund für Bund neues Reet. Die Fotos von der Durchfahrtsscheune in Stade zeigen, wie ein Denkmal ein neues Dach bekommt.

Inhalt
Film
Neues Leben in alter Scheune (Kurzfassung)
Stader Stiftung für Kultur und Geschichte, 2017 · im Filmarchiv
Das Reetdach der Durchfahrtsscheune an der Harburger Straße 74 in Stade wurde im Herbst und Winter 2016 komplett erneuert. Zuerst wurde das alte Reet vollständig abgetragen. Dann kamen nach altem Vorbild neue Latten auf den Dachstuhl, nach dem Film historische Rundlatten. Darauf deckte der Betrieb von Reinhold Junker neues Reet. Rund vier Monate später, kurz vor dem Frühling 2017, war das Dach fertig, und mit Hilfe der Jugendbauhütte waren auch die Lehmwände restauriert (Kulturstiftung Stade 2017).
Dieser Beitrag folgt den Arbeiten anhand der Archivfotos von der Scheune und des Films der Stader Stiftung für Kultur und Geschichte. Die Geschichte des Gebäudes steht im Beitrag Die Durchfahrtsscheune an der Harburger Straße 74.
Wie sah das Dach vor der Sanierung aus?
Im September 2016 war das alte Dach bemoost und ausgedünnt. Von innen sah man die Konstruktion, wie sie lange üblich war: runde Latten auf den Sparren, darauf das Reet, gehalten von Reetseilen, die um die Rundhölzer geschlungen waren. An mehreren Stellen fiel Licht durch das Dach.



Warum man sich gegen eine Ausbesserung und für eine komplette Neueindeckung entschieden hat, sagt der Film nicht ausdrücklich. Er nennt nur das Ziel, das Dach vollständig abzutragen und neu mit Reet zu decken. Woran man den Zustand eines Reetdachs allgemein ablesen kann, erklärt der Beitrag Reetdach-Zustand beurteilen.
Warum wurden wieder Rundlatten verwendet?
Bevor neues Reet auf das Dach konnte, mussten neue Latten auf den Dachstuhl, „ganz nach altem Vorbild“, wie es im Film heißt. Die Fotos vom fertigen Dach zeigen innen Rundholzlatten wie früher.

Auch im Dachstuhl selbst wurde Holz getauscht. Nach dem Wochenblatt wurden vor dem Eindecken morsche und wurmstichige Dachbauteile durch Balken und Sparren aus natürlich gewachsenem Holz ersetzt. Der Denkmalpfleger der Stadt Stade, Oswald Lämmel, verlangte, dass sie „zimmermannsgerecht“ zusammengefügt werden, also ohne Metall wie Nägel und Schrauben (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 18.01.2017).
Eine Begründung für die Rundlatten gibt der Film nur allgemein. In der Abschlussbesprechung fällt der Gedanke, dass man bei einer Restaurierung auf kleine Details achten, schauen müsse, wie man es früher gemacht hat, und das dann nachbauen. Für Baudenkmale gilt ohnehin, dass Änderungen am Dach mit der Denkmalbehörde abgestimmt werden müssen. Was das für Eigentümer bedeutet, steht im Beitrag Reetdach unter Denkmalschutz.
Wie lief die Eindeckung ab?
Nachdem alle Planungen abgeschlossen waren, kam die erste Lieferung Reet nach Stade. Im November 2016 war die Scheune eingerüstet, und das neue Dach wuchs von der Traufe Richtung First (Kulturstiftung Stade 2017). Der Sprecher im Film nennt das Dachdecken einen Knochenjob bei Wind und Wetter, mit kaum modernen Werkzeugen.

Wie Reinhold Junker ein Reetdach grundsätzlich deckt, hat er 2022 dem Stader Tageblatt auf einer anderen Baustelle erklärt: Gedeckt wird in Reihen von unten nach oben. Die Halme eines Bundes werden unter den Draht geschoben, das Bund wird zur Seite ausgestrichen, mit Draht vernäht und mit der Zange festgezogen. Mit der Treibe, einem Metallbrett, wird gegen die Halme geklopft, bis keiner mehr hervorsteht (Stader Tageblatt 2022). Ob an der Scheune genau so mit Draht gebunden wurde, ist in den Quellen nicht festgehalten. Die Fotos zeigen das Klopfbrett im Einsatz und die Arbeit am Giebel von der Arbeitsbühne aus.



Am Ende des Films beschreibt ein Sprecher, sehr wahrscheinlich Reinhold Junker, was diese Arbeit ausmacht: Mit Reet umzugehen sei reine Handarbeit, mit Maschinen könne man wenig machen. Alles geschehe von Hand, vom Aufbereiten des Reets über das Aufdecken, Festnähen und Befestigen bis zum Klopfen und Fertigmachen. Werkzeug müsse man fast alles selbst machen. Das dauere länger und koste viel Kraft, weil das Werkzeug schwer sei und man den ganzen Tag klopfe (Kulturstiftung Stade 2017). Einen allgemeinen Überblick über die Schritte gibt der Beitrag Ein Reetdach neu eindecken.
Wie lange hat es gedauert?
Die Bauarbeiten begannen im September 2016 mit einer Baubesprechung. Das ehrgeizige Ziel war, das Dach im Herbst und Winter 2016 abzutragen und neu zu decken. Vier Monate später, als der Frühling bevorstand, war das Dach fertig (Kulturstiftung Stade 2017). Das Wochenblatt schrieb allerdings schon am 18. Januar 2017, das Dach sei kürzlich fertig geworden (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 18.01.2017). Die Fotos vom Ende März 2017 zeigen die Scheune mit neuem Dach und neuem First.

Gearbeitet wurde also auch in der kalten Jahreszeit. Reinhold hat in einem Fernsehbeitrag von 2010 einmal erklärt, warum er bei Kunden mit einer Neueindeckung lieber bis März wartet: Wenn ein Dach offen ist und es friert, schneit oder regnet, ist schnell Wasser im Haus (Sat.1 2010). Bei einer Scheune ohne Wohnräume ist dieses Risiko kleiner. Ob das bei der Planung eine Rolle spielte, sagt der Film nicht.
Was wurde aus den Lehmwänden?
Neben dem Dach brauchten auch die Wände Arbeit. Das Fachwerk der Scheune ist mit Lehm ausgefacht, und viele Gefache waren beschädigt. Mit Unterstützung der Jugendbauhütte wurden die Lehmwände restauriert (Kulturstiftung Stade 2017). Gefüllt wurde das Fachwerk nach dem Wochenblatt mit gewickelten Bändern aus Roggenstroh und Lehm. Im Januar 2017 pfiff durch die Wände noch der Wind, und einige Fächer sollten mit Backsteinen gefüllt werden. Dafür suchten die Ehrenamtlichen altes Holz und Ziegel aus Abbruchhäusern in der Region (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 18.01.2017). Die Fotos vom März 2017 zeigen beides: Fachwerk, das noch auf die Restaurierung wartet, und Gefache mit frischer Lehmoberfläche.

Was lässt sich daraus für andere Denkmale lernen?
Die Scheune zeigt, dass bei einem Baudenkmal viele Beteiligte zusammenkommen: Bauherrin, Architekt, Denkmalpflege, Stadt, Handwerker und Ehrenamtliche. Im Abschlussgespräch fällt der Satz, es sei nicht selbstverständlich, dass Mitarbeiter bei einem Gebäude mitziehen, bei dem man so viel Eigeninitiative ergreifen muss, und es sei eine Kunst, die Leute so zusammenzubringen, dass alles passt.
Für Eigentümer eines Denkmals mit Reetdach lässt sich daraus einiges festhalten:
- Früh planen. An der Scheune standen am Anfang ein Aufmaß durch den Architekten und eine gemeinsame Baubesprechung.
- Das Alte genau ansehen. Lattung und Bindung des alten Dachs zeigen, wie früher gebaut wurde, und daran orientierte sich die neue Lattung.
- Dach und Wände zusammen denken. Ein neues Reetdach schützt die Lehmwände, die Wände brauchen aber ihre eigene Pflege.
Kurz beantwortet
Wie lange hat die Neueindeckung der Durchfahrtsscheune gedauert?
Die Arbeiten begannen im September 2016. Das alte Dach wurde im Herbst und Winter abgetragen und neu gedeckt, rund vier Monate später, kurz vor dem Frühling 2017, war das Dach fertig.
Warum bekam die Scheune wieder Rundlatten?
Die neuen Latten wurden nach altem Vorbild angebracht, nach dem Film der Kulturstiftung historische Rundlatten. Die Fotos zeigen, dass schon das alte Dach auf Rundholzlatten lag. Bei einem Baudenkmal orientiert man sich daran, wie früher gebaut wurde.
Wer hat die Lehmwände restauriert?
Die Lehmwände wurden mit Unterstützung der Jugendbauhütte restauriert. Das Reetdach deckte der Betrieb von Reinhold Junker.
Wurde das alte Reetdach ausgebessert oder ersetzt?
Es wurde vollständig abgetragen und durch ein neues Reetdach ersetzt. Der hintere Anbau wurde abgebrochen, weil er nicht original und stark verfault war.
Quellen
- Stader Stiftung für Kultur und Geschichte (2017): Neues Leben in alter Scheune (Kurzfassung). Film auf YouTube. youtu.be/8M-lvmsD6_g
- Silvia Dammer, Stader Tageblatt (2022): Er steigt Reethäusern aufs Dach. 22.07.2022. tageblatt.de
- Sat.1 „19:30“ (2010): Reeternte bei Frost (Beitrag über Reinhold Junker). vimeo.com/10060446
- Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt (2017): Fördergeld für denkmalgeschützte Scheune in Stade ist verbraucht. 18.01.2017. kreiszeitung-wochenblatt.de
- Fotoarchiv Till Heidrich (2016 bis 2017): Fotoserie Durchfahrtsscheune Stade, Harburger Straße 74.