Was ist eine Durchfahrtsscheune? Ein Bautyp aus Fachwerk, Lehm und Reet
Im Alten Land stehen noch viele von ihnen, aber es werden weniger. Am Beispiel aus Stade lässt sich ablesen, woraus eine Durchfahrtsscheune gebaut ist und was über den Bautyp noch offen ist.

Inhalt
Film
Neues Leben in alter Scheune (Kurzfassung)
Stader Stiftung für Kultur und Geschichte, 2017 · im Filmarchiv
Eine Durchfahrtsscheune ist ein landwirtschaftliches Wirtschaftsgebäude, das die Denkmalpflege als ganz typisch für die Region an der Niederelbe ansieht. Im Alten Land gibt es noch eine ganze Reihe davon, aber immer wieder gehen welche verloren, sagt Dr. Klaus Püttmann vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (Kulturstiftung Stade 2017). Das gut dokumentierte Beispiel in Stade hat ein Fachwerk mit Lehmgefachen, ein Reetdach und Holz aus der Zeit um 1750. Der Name verweist auf die Durchfahrt im Inneren.
Dieser Beitrag stützt sich auf den Film der Stader Stiftung für Kultur und Geschichte über die Scheune an der Harburger Straße 74 und auf Fotos aus dem Archiv. Eine vollständige Bauforschung zum Typ ist das nicht. Wo das Material nichts sagt, steht das dabei.
Warum gilt die Durchfahrtsscheune als typisch für die Region?
Püttmann beschreibt die Durchfahrtsscheune im Film als eigene, besondere Gattung. Solche Scheunen hätten eine ganz bestimmte Funktion und seien ein wunderbares Dokument des landwirtschaftlichen Wirtschaftens. Mit ihnen lasse sich Heimatgeschichte, Baugeschichte und Konstruktion beschreiben und überliefern (Kulturstiftung Stade 2017).
Welche Funktion das genau war, führt der Film nicht aus. Der Name selbst gibt einen Hinweis: Durch das Gebäude führt eine Durchfahrt. An der Stader Scheune sieht man ein großes grünes Tor und innen einen offenen Raum zwischen Fachwerkwänden. Wie groß dieser Raum ist, beschreibt das Wochenblatt: In die Scheune passte ein voll beladener Heuwagen (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 18.01.2017). Wofür die Bauern diese Durchfahrt im Einzelnen nutzten, sollte man im Zweifel bei der Denkmalpflege oder in der regionalen Hausforschung nachlesen.

Woraus ist eine Durchfahrtsscheune gebaut?
Am Stader Beispiel lassen sich die Materialien gut ablesen:
- Fachwerk aus gewachsenen Stämmen. Dieter Kunze, Vorstand der Kulturstiftung, beschreibt im Film, wie ihn das Bauwerk beeindruckt: Hier sei mit gewachsenen Holzstämmen gearbeitet worden, die Gefache seien gefüllt und der ganze Aufbau sichtbar. Da schlage das Herz eines Denkmalmenschen.
- Gefache aus Lehm. Nach dem städtischen Vertreter im Film ist die Scheune in Lehmbauweise errichtet, das Fachwerk mit Lehm ausgefacht. Die Fotos zeigen deutlich Lehmgefache. Innen sieht man an manchen Stellen auch Backstein. Bei der Sanierung wurden die Gefache nach dem Wochenblatt mit gewickelten Bändern aus Roggenstroh und Lehm gefüllt, einige Fächer sollten Backsteine bekommen (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 18.01.2017).
- Ein Reetdach auf Rundholz. Unter dem alten Reet lagen runde Latten, an denen das Reet mit Reetseilen befestigt war, so zeigen es die Fotos vom September 2016.


Klaus Krebber, ehrenamtlicher Helfer und gelernter Statiker, sagt im Film über die Scheune: Man sehe, was mit alten, einfachen Mitteln gemacht worden sei, und die seien gar nicht so verkehrt gewesen (Kulturstiftung Stade 2017).
Wie wurden Reetdächer früher befestigt?
Heute wird Reet meist mit Draht an den Latten vernäht. Das war nicht immer so. Nach dem Stader Tageblatt wurden früher Nussbaum- oder Weidenruten oder gewachste Roggenbänder verwendet, und bevor sich Reet durchsetzte, deckte man mit Roggenstroh (Stader Tageblatt 2022). Baunetz Wissen unterscheidet das genähte Dach, bei dem der Bindedraht um die Latte geführt wird, vom gebundenen Dach mit Bandstöcken. Gebunden wurde zuerst mit Weidenruten, dann mit Schnur, später mit verzinktem Draht (Baunetz Wissen).
Auch Reinhold Junker hat als Schüler noch mit Seilen gearbeitet. Im ZEITmagazin erzählt er, wie er sich in den Ferien ein paar Mark verdiente: Er saß im Dach, nahm Seile entgegen, wickelte sie um die Dachlatten und reichte sie an die Dachdecker hinaus, die sie über den Halmen zusammenzurrten (ZEITmagazin 2019).
Wie alt das Reetdach als Bauform ist, zeigt ein Eintrag der Deutschen UNESCO-Kommission: Die ersten nachgewiesenen Reetdächer gab es um 4000 vor Christus, bei Pfahlbauten am Bodensee. Das Reetdachdecker-Handwerk steht seit 2014 im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes (Deutsche UNESCO-Kommission). Mehr dazu im Beitrag Das Reetdach in der Geschichte.
Warum wurden Scheunen versetzt?
Die Stader Scheune steht nicht an ihrem ursprünglichen Ort. Sie wurde vor geschätzt mindestens 200 Jahren hinter ein jüngeres Wohnhaus versetzt. „Man spricht dann immer von einer Translozierung“, sagt der städtische Vertreter im Film. Die Formulierung deutet darauf hin, dass das kein Einzelfall ist (Kulturstiftung Stade 2017). Fachwerkbauten lassen sich zerlegen und an anderer Stelle wieder aufrichten. Warum gerade diese Scheune versetzt wurde, sagt der Film nicht.
Dass so etwas auch heute noch gemacht wird, zeigt dieselbe Geschichte. Für das abgebrannte Wohnhaus hat die Kulturstiftung ein abbruchreifes Haus in Stade abbauen und einlagern lassen, um es an der Harburger Straße wieder aufzubauen. Im Januar 2017 nannte Dieter Kunze dem Wochenblatt außerdem eine leerstehende Bauernkate in Wischhafen, die nach Stade umgesetzt werden müsste, damit an der Harburger Straße wieder ein historisches ländliches Ensemble entsteht (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 18.01.2017). Mehr dazu im Beitrag Die Durchfahrtsscheune an der Harburger Straße 74.
Wie findet man heraus, wie alt eine Scheune ist?
Mit der Dendrochronologie, der Altersbestimmung des verbauten Holzes. In Stade ließ das Landesamt für Denkmalpflege vier Objekte untersuchen. Für die Scheune ergab sich 1750, für das Ständerwerk des Ersatzhauses 1634 (Kulturstiftung Stade 2017). Bei einem versetzten Gebäude ist das besonders hilfreich, weil sein heutiger Standort nichts über sein Alter sagt. Wie weit Altersangaben auseinandergehen können, zeigt die Stader Scheune selbst. Das Wochenblatt verortete sie 2017 in der Mitte des 17. Jahrhunderts, rund hundert Jahre vor dem Dendrodatum (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 18.01.2017).
Wo kann man solche Gebäude sehen?
Im Alten Land stehen nach Püttmann noch viele Durchfahrtsscheunen. Wer historische Höfe mit Reetdach in Ruhe von innen und außen ansehen will, findet sie auch im Freilichtmuseum am Kiekeberg in Rosengarten-Ehestorf. Die folgenden Fotos sind dort im September 2013 entstanden. Ob unter den Gebäuden dort Durchfahrtsscheunen sind, sagen sie nicht.



Auch unterwegs im Alten Land fallen die alten Höfe auf, mit Fachwerk, Ziermauerwerk und Reet.




Warum gehen Durchfahrtsscheunen verloren?
Püttmann sagt nur, dass immer wieder welche verloren gehen. Die Gründe nennt der Film nicht im Einzelnen. Das Stader Beispiel zeigt aber, was einem solchen Hof passieren kann: Das zugehörige Wohnhaus wurde durch Brandstiftung zerstört, der Anbau der Scheune war verfault. Wie es dazu kam, beschreibt der Beitrag 40 statt 50 Grad.
Dazu kommt das Geld. Allein für die Stader Scheune kamen bis Januar 2017 rund 50.000 Euro an Fördergeld zusammen, unter anderem von der Bingo-Umweltstiftung, der Stadt Stade, dem Landesamt für Denkmalpflege und Dow, und trotzdem musste die Stiftung weitere Geldgeber suchen (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 18.01.2017). Im Landkreis Stade haben nach einem Bericht von 2023 464 von rund 1.200 Baudenkmälern ein Reetdach. Ein Förderprogramm des Landes war 2022 ausgelaufen, der Landkreis stockte seine eigenen Mittel auf (Kreiszeitung Wochenblatt 2023). 2025 gab der Landkreis nach einem weiteren Bericht 75.000 Euro für Reetdächer aus, Landrat und Bürgermeister forderten vom Land eine dauerhafte Förderung (Kreiszeitung Wochenblatt 2025). Was Eigentümer heute beantragen können, steht im Beitrag Reetdach unter Denkmalschutz.
Kurz beantwortet
Was ist eine Durchfahrtsscheune?
Ein landwirtschaftliches Wirtschaftsgebäude mit einer Durchfahrt im Inneren, das die Denkmalpflege als typisch für die Region an der Niederelbe ansieht. Im Alten Land stehen noch viele davon. Das Beispiel in Stade hat Fachwerk mit Lehmgefachen und ein Reetdach.
Wie alt sind Durchfahrtsscheunen?
Das ist von Gebäude zu Gebäude verschieden. Die Scheune an der Harburger Straße in Stade wurde dendrochronologisch auf 1750 datiert. Weil Fachwerkbauten versetzt wurden, sagt der Standort allein nichts über das Alter.
Was bedeutet Translozierung?
Das Versetzen eines Gebäudes an einen anderen Ort. Die Stader Durchfahrtsscheune wurde vor geschätzt mindestens 200 Jahren hinter ein jüngeres Wohnhaus versetzt.
Wo kann man Durchfahrtsscheunen sehen?
Vor allem im Alten Land, wo nach dem Landesamt für Denkmalpflege noch eine ganze Reihe steht. In Stade steht die sanierte Scheune an der Harburger Straße 74.
Quellen
- Stader Stiftung für Kultur und Geschichte (2017): Neues Leben in alter Scheune (Kurzfassung). Film auf YouTube. youtu.be/8M-lvmsD6_g
- Silvia Dammer, Stader Tageblatt (2022): Er steigt Reethäusern aufs Dach. tageblatt.de
- Jakob Simmank, ZEITmagazin (2019): Reetdächer: Dächlein, deck dich. zeit.de
- Baunetz Wissen (ohne Datum): Reet und Stroh. baunetzwissen.de
- Deutsche UNESCO-Kommission (Eintrag 2014): Reetdachdecker-Handwerk. unesco.de
- Jörg Dammann, Kreiszeitung Wochenblatt (2023): Landkreis Stade gibt Geld für Erhalt von Reetdächern. kreiszeitung-wochenblatt.de
- Jörg Dammann, Kreiszeitung Wochenblatt (2025): Geld vom Land fehlt: Reetdächer im Landkreis Stade sind in Gefahr. kreiszeitung-wochenblatt.de
- Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt (2017): Fördergeld für denkmalgeschützte Scheune in Stade ist verbraucht. 18.01.2017. kreiszeitung-wochenblatt.de