40 statt 50 Grad: Warum der Anbau der Stader Scheune verfault war
An der Durchfahrtsscheune in Stade war der Anbau so verfault, dass er abgerissen werden musste. Ein Grund war sein Dach, das zehn Grad flacher war als das Hauptdach. An solchen Übergängen sollten Käufer und Bauherren zuerst hinsehen.

Inhalt
Film
Neues Leben in alter Scheune (Kurzfassung)
Stader Stiftung für Kultur und Geschichte, 2017 · im Filmarchiv
Der Anbau der Durchfahrtsscheune in Stade war verfault, weil sein Reetdach mit 40 Grad deutlich flacher war als das Hauptdach mit 50 Grad. An der Stelle, an der die steile Fläche in die flachere übergeht, entstand nach den Worten des Architekten Martin Klett eine sehr große Wasserbelastung. Das Reet hielt das nicht aus, und die Balken darunter wurden morsch und verloren ihre Tragfähigkeit (Kulturstiftung Stade 2017). Für Käufer heißt das: Neigungswechsel, flache Anbauten und Gauben gehören bei jeder Besichtigung zuerst angesehen.
Was ist an der Scheune passiert?
Als die Stader Stiftung für Kultur und Geschichte 2016 begann, die Durchfahrtsscheune an der Harburger Straße 74 zu sanieren, war zunächst von Sanierung die Rede. Dann wurde klar, dass der hintere Teil abgebrochen werden musste. Architekt Martin Klett nennt im Film der Kulturstiftung zwei Gründe (Kulturstiftung Stade 2017):
- Der Anbau war nicht original. Er war beim Versetzen der Scheune dazugekommen, das erkenne man an den Schwellen.
- Er war sehr baufällig. Fast alle Schwellen waren abgefault.
Für den Zustand macht Klett vor allem die Dachneigung verantwortlich. Der Anbau sei mit nur 40 Grad „erheblich zu schwach geneigt“ gewesen. Das Hauptdach hatte 50 Grad.

Was passiert am Anfallpunkt?
Klett beschreibt das so: Wenn ein Hauptdach 50 Grad hat und ein Anbaudach mit 40 Grad daran anschließt, entsteht an dem Punkt, an dem sich das Gefälle verringert, eine sehr große Wasserbeanspruchung. Das mag das Reet nicht. Und wenn das Reet leidet, leiden auch die Balken darunter. An der Scheune waren sie morsch und nicht mehr tragfähig (Kulturstiftung Stade 2017).
Diesen Übergang nennt Klett den Anfallpunkt. Gemeint ist die Linie, an der die steilere Fläche in die flachere übergeht. Oberhalb läuft das Wasser also schnell ab, unterhalb wird es langsamer, während von oben weiter Wasser nachkommt.
Reinhold Junker hat 2019 im ZEITmagazin beschrieben, warum zu flache Halme so schaden: Pilzsporen sind auf jedem Reet, sie wachsen aber erst unter den richtigen Bedingungen, vor allem bei zu viel Feuchtigkeit. Eine Ursache dafür sei, dass die Halme nicht schräg genug stehen und das Regenwasser nicht ablaufen kann. „Am Ende geht es um grundlegende bauphysikalische Prinzipien“, sagt er (ZEITmagazin 2019).

Wie steil muss ein Reetdach sein?
Die Angaben zur Mindestneigung sind recht einheitlich:
| Quelle | Angabe |
|---|---|
| Grundregeln zu Reinholds Lehrzeit (ZEITmagazin) | Mindestneigung 45 Grad, Reetschicht mindestens 30 cm |
| Fachregelwerk, zitiert im ZEITmagazin | Regeldachneigung 45 Grad, Halmneigung zwischen Stoppelende und Bindung mindestens 30 Grad |
| Baunetz Wissen | Regelneigung 45 Grad, in Kehlen nicht unter 40 Grad |
| Bolius (Dänemark) | empfohlen mindestens 50 Grad, Hauptdach nie unter 45 Grad |
Quellen: ZEITmagazin 2019, Baunetz Wissen, Bolius 2026. Seit März 2025 gibt es eine neue Ausgabe der deutschen Fachregel für Dachdeckungen mit Reet (Deutsches Dachdeckerhandwerk 2025). Ihr Text ist kostenpflichtig und konnte für diesen Beitrag nicht eingesehen werden.
Der Anbau der Scheune lag mit 40 Grad also unter der Regelneigung von 45 Grad und genau an der Grenze, die Baunetz Wissen für Kehlen nennt. Das Hauptdach mit 50 Grad entsprach der dänischen Empfehlung.
Wie viel Lebensdauer kosten ein paar Grad?
Das dänische Wissenszentrum Bolius rechnet mit bis zu zehn Jahren weniger Lebensdauer für jeweils fünf Grad flachere Neigung (Bolius 2026). Die niederländische Denkmalbehörde nennt als Beispiel steile Nordflächen mit 80 Grad, die achtzig Jahre erreichen können, und flache Südwestflächen mit 30 Grad, die nur dreißig Jahre halten (RDMZ 2005). Baunetz Wissen schreibt, dass zu flache Gauben und Anbauten früh vermoosen und von Pilzen befallen werden und dort oft keine 20 Jahre halten (Baunetz Wissen).
Mehr zur Rolle von Neigung und Himmelsrichtung steht im Beitrag Nordseite oder Südseite, zu den Ursachen von Fäulnis unter Warum Reetdächer verrotten.

Warum leidet am Ende das Holz?
Wenn das Reet an einer Stelle dauerhaft nass ist, greift die Feuchtigkeit auch das Holz darunter an. An der Scheune waren die Balken unter dem Anfallpunkt morsch und die Schwellen des Anbaus abgefault, der Anbau war nicht mehr zu retten. Auch am Hauptdach wurden vor dem Eindecken morsche und wurmstichige Dachbauteile durch neue Balken und Sparren aus natürlich gewachsenem Holz ersetzt (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 18.01.2017).
Reinhold Junker hat 2024 dem Hamburger Abendblatt gesagt, warum man nicht warten sollte: Vergammelte Stellen müssen repariert werden, damit die Feuchtigkeit nicht das ganze Dach angreift. Als echten Killer für Reetdächer nennt er die häufiger werdenden Starkregen (Hamburger Abendblatt, 6. Mai 2024). Gerade an Stellen, an denen sich Wasser sammelt, wird das wichtig.
Woran erkennen Käufer solche Stellen?
Ein Anbau mit eigenem, flacherem Dach ist bei alten Reetdachhäusern keine Seltenheit. Die Scheune zeigt, worauf Sie achten sollten:
- Übergänge suchen. Wo trifft ein Anbau, eine Gaube oder eine Kehle auf das Hauptdach? Dort zuerst hinsehen.
- Flachere Flächen vergleichen. Sind Anbau oder Gaube grüner, dünner oder unruhiger als das Hauptdach?
- Von innen ansehen. Gibt es am Übergang dunkle, feuchte oder weiche Hölzer, fällt Licht durch das Dach?
- Schwellen und Mauerfuß prüfen. An der Scheune waren die Schwellen des Anbaus abgefault.
- Nach der Neigung fragen. Eine Fachperson kann die Neigung einzelner Flächen messen und einschätzen.
Wie Sie ein Reetdach insgesamt beurteilen, steht unter Reetdach-Zustand beurteilen, was beim Kauf noch zählt, unter Reetdachhaus kaufen. Wie viele Jahre ein Dach realistisch noch hat, erklärt der Beitrag Restnutzungsdauer eines Reetdachs.
Was heißt das für Bauherren?
Wer anbaut oder ein Reetdachhaus plant, sollte die Neigung jeder Teilfläche früh mit Architekt und Reetdachdecker festlegen. Ein Anbau, der flacher wird, weil Höhe oder Platz fehlen, ist an einem Reetdach ein Risiko auf Jahrzehnte. Bei der Stader Scheune hat man den Anbau bei der Sanierung abgebrochen, weil er nicht original war und nicht mehr zu retten. Bei einem bewohnten Haus ist das selten eine Option.

Kurz beantwortet
Welche Dachneigung braucht ein Reetdach?
Die Regelneigung liegt in Deutschland bei 45 Grad, in Kehlen nach Baunetz Wissen nicht unter 40 Grad. Das dänische Wissenszentrum Bolius empfiehlt mindestens 50 Grad. Flachere Flächen halten deutlich kürzer.
Was ist ein Anfallpunkt am Dach?
Die Stelle, an der eine steilere Dachfläche in eine flachere übergeht. An der Stader Durchfahrtsscheune traf ein Hauptdach mit 50 Grad auf einen Anbau mit 40 Grad. Dort entstand nach Aussage des Architekten eine sehr große Wasserbelastung.
Wie viel Lebensdauer kostet eine flachere Neigung?
Bolius rechnet mit bis zu zehn Jahren weniger für jeweils fünf Grad weniger Neigung. Zu flache Gauben und Anbauten halten nach Baunetz Wissen oft keine 20 Jahre.
Worauf sollte ich beim Kauf eines Reetdachhauses mit Anbau achten?
Sehen Sie sich die Übergänge zwischen Hauptdach, Anbau, Gauben und Kehlen besonders genau an, außen und vom Dachboden aus. Achten Sie auf Moos, dünne Stellen, Licht durch das Dach und feuchte oder weiche Hölzer.
Quellen
- Stader Stiftung für Kultur und Geschichte (2017): Neues Leben in alter Scheune (Kurzfassung). Film auf YouTube. youtu.be/8M-lvmsD6_g
- Jakob Simmank, ZEITmagazin (2019): Reetdächer: Dächlein, deck dich. Ausgabe 2019/44. zeit.de
- Rachel Wahba, Hamburger Abendblatt (2024): Reetdachhäuser im Alten Land: So viel Arbeit steckt drin. 06.05.2024. Belegexemplar im Archiv von Reinhold Junker.
- Baunetz Wissen (ohne Datum): Schadensursachen bei Reetdächern. baunetzwissen.de
- Bolius (2026): Værd at vide om stråtage. bolius.dk
- Rijksdienst voor de Monumentenzorg (2005): Onderhoud rieten daken (Gids techniek nr. 11). riet.com
- Deutsches Dachdeckerhandwerk (2025): Fachregel für Dachdeckungen mit Reet, Ausgabe März 2025 (Ankündigung). dachdecker-regelwerk.de
- Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt (2017): Fördergeld für denkmalgeschützte Scheune in Stade ist verbraucht. 18.01.2017. kreiszeitung-wochenblatt.de