Reinhold Junker Reetdachdeckermeister · Altes Land

Durchfahrtsscheune an der Harburger Straße 74, Stade

Ein Baudenkmal mit Holz von 1750, Lehmgefachen und einem Reetdach, das komplett erneuert werden musste. Bauherrin war die Stader Stiftung für Kultur und Geschichte, das Reet deckte der Betrieb von Reinhold Junker.

Stade, Harburger Straße 74September 2016 bis Frühjahr 2017

Die Giebelseite der Durchfahrtsscheune mit neuem Reetdach im Gegenlicht, Frühjahr 2017.
Die Giebelseite der Durchfahrtsscheune mit neuem Reetdach im Gegenlicht, Frühjahr 2017.

Film

Neues Leben in alter Scheune (Kurzfassung)

Stader Stiftung für Kultur und Geschichte, 2017 · im Filmarchiv

Die Durchfahrtsscheune an der Harburger Straße 74 in Stade gehört zu einem kleinen Hof, dessen Wohnhaus durch Brandstiftung verloren ging. Die Scheune blieb stehen. Die Stader Stiftung für Kultur und Geschichte hat sie von September 2016 bis zum Frühjahr 2017 saniert und darüber den Film „Neues Leben in alter Scheune“ veröffentlicht (Kulturstiftung Stade 2017). Die Reetarbeiten führte der Betrieb von Reinhold Junker aus.

Das Gebäude

Dr. Klaus Püttmann vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege nennt die Durchfahrtsscheune im Film ein ganz typisches Gebäude der Region. Die Stader Scheune ist ein Fachwerkbau mit Lehmgefachen und Reetdach. Eine dendrochronologische Untersuchung im Auftrag des Landesamts hat ihr Holz auf 1750 datiert. Sie stand ursprünglich an einem anderen Ort und wurde vor geschätzt mindestens 200 Jahren hinter ein jüngeres Wohnhaus von etwa 1820 versetzt. Das Wochenblatt nannte sie im Januar 2017 abweichend ein Baudenkmal „aus der Mitte des 17. Jahrhunderts“ und beschrieb ihre Größe so: Ein voll beladener Heuwagen passte hindurch (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 18.01.2017). Ob 1750 oder früher, lässt sich aus den Quellen nicht endgültig sagen; die Dendrodatierung ist die genauere Angabe. Mehr zur Geschichte steht im Beitrag Die Durchfahrtsscheune an der Harburger Straße 74, mehr zum Bautyp unter Was ist eine Durchfahrtsscheune?.

Was am Dach gemacht wurde

Im September 2016 begannen die Arbeiten mit einer Baubesprechung aller Beteiligten: ehrenamtliche Helfer, Handwerker, Architekt Martin Klett, Vertreter der Stadt Stade und des Landesamts für Denkmalpflege. Das Ziel für Herbst und Winter 2016 war ehrgeizig: das alte Dach vollständig abtragen und neu mit Reet decken. Vorher kamen nach altem Vorbild neue Latten auf den Dachstuhl, nach dem Film historische Rundlatten. Nach Abschluss der Planung kam die erste Lieferung Reet nach Stade (Kulturstiftung Stade 2017).

Morsche und wurmstichige Dachbauteile wurden vor dem Eindecken durch Balken und Sparren aus natürlich gewachsenem Holz ersetzt. Der Denkmalpfleger der Stadt Stade, Oswald Lämmel, verlangte, dass sie „zimmermannsgerecht“ gefügt werden, ohne Metall wie Nägel und Schrauben. Die Gefache wurden mit gewickelten Bändern aus Roggenstroh und Lehm gefüllt (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 18.01.2017).

Die Scheune vor der Sanierung, September 2016
Die Scheune im September 2016: das alte Dach, bemoost und ausgedünnt.

Die Fotos zeigen den Ablauf: im September 2016 das alte, bemooste Dach und von innen die Rundholzlattung mit Reetseilen, im November die eingerüstete Scheune mit wachsender neuer Fläche, Arbeit am Giebel und am First, Ende März 2017 das fertige Dach. Rund vier Monate nach dem Beginn der Eindeckung, kurz vor dem Frühling 2017, war das Dach nach dem Film fertig; das Wochenblatt meldete es schon am 18. Januar 2017 als kürzlich fertig. Mit Unterstützung der Jugendbauhütte wurden auch die Lehmwände restauriert. Den Ablauf in Bildern zeigt der Beitrag Neues Reet für ein Denkmal.

Arbeit am Giebel, November 2016
Zu zweit wird das Reet am Giebel eingebracht, November 2016.

Der Anbau

Der hintere Anbau wurde abgebrochen. Er war erst beim Versetzen der Scheune dazugekommen, und fast alle Schwellen waren abgefault. Architekt Klett erklärt im Film, warum: Das Anbaudach hatte nur 40 Grad Neigung, das Hauptdach 50 Grad. Am Übergang entstand eine sehr große Wasserbelastung, das Reet litt, und die Balken darunter wurden morsch. Was Käufer und Bauherren daraus lernen können, steht im Beitrag 40 statt 50 Grad.

Das Handwerk

Im Abschlussgespräch mit Dieter Kunze, dem Vorstand der Kulturstiftung, beschreibt ein Sprecher, sehr wahrscheinlich Reinhold Junker, die Arbeit: Mit Reet umzugehen sei reine Handarbeit, vom Aufbereiten über das Aufdecken, Festnähen und Befestigen bis zum Klopfen und Fertigmachen. Werkzeug müsse man fast alles selbst machen, und man sei den ganzen Tag am Klopfen. Reetdachdecker seien Idealisten (Kulturstiftung Stade 2017).

Das neue Dach von innen
Das neue Dach von innen: Rundholzlatten wie früher, Frühjahr 2017.

Das Wohnhaus

Das Wohnhaus neben der Scheune war nach dem Wochenblatt ein kleines Häuslingshaus aus dem 19. Jahrhundert. 2015 wurde es durch Brandstiftung vollständig zerstört (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 18.01.2017). Als Ersatz aus alter Bausubstanz fand die Kulturstiftung in Stade ein abbruchreifes Haus, dessen Ständerwerk auf 1634 datiert wurde. Eine Spezialfirma hat es abgebaut und eingelagert, es soll an der Harburger Straße wieder aufgebaut werden (Kulturstiftung Stade 2017). Im Januar 2017 nannte Dieter Kunze dem Wochenblatt außerdem eine leerstehende Bauernkate an der Stader Straße in Wischhafen, die nach Stade transloziert werden müsste. Wie die beiden Pläne zusammenhängen und ob einer davon umgesetzt ist, ist hier nicht bekannt. Fotos eines abbruchreifen Hauses in Stade zeigt das Projekt Altes Haus in Stade.

Geld und Helfer

Bis Januar 2017 flossen rund 50.000 Euro in die Sanierung, unter anderem von der Bingo-Umweltstiftung, der Stadt Stade, dem Landesamt für Denkmalpflege und dem Chemieunternehmen Dow. Dann sagte Dieter Kunze: „Das Geld ist aufgebraucht.“ Die Stiftung plante ein Benefizkonzert mit dem Pianisten Vladimir Mogilevsky im Königsmarcksaal des historischen Rathauses, am Sonntag, 30. April. Für die Wände suchten die Ehrenamtlichen altes Holz und Ziegel aus Abbruchhäusern. Die Jugendbauhütte sollte an den weiteren Arbeiten mitwirken und die Scheune im Gegenzug später als Lager für historisches Baumaterial nutzen können (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 18.01.2017).

Erinnerung an Dieter Kunze

Ein paar Worte von Reinhold Junker über den Mann, der sich für diese Scheune eingesetzt hat.

Dieter Kunze ist am 10. August 2018 gestorben, mit 78 Jahren, plötzlich und unerwartet bei einer Fahrradtour mit Freunden aus dem Lions-Club (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 17.08.2018). Bei dieser Scheune war er Vorstand der Bauherrin. Er hat den Architekten ins Boot geholt, er hat nach Geldgebern gesucht, und am Ende des Films sprechen wir beide über die Arbeit am Dach.

Die Scheune war nur eines von vielen Denkmalen, um die er sich gekümmert hat. Für das Pförtnerhaus an der Bremervörder Straße gründete er die Stiftung für Kultur und Geschichte, und seitdem wohnt dort jedes Jahr drei Monate lang ein Künstler als „Stader Uul“. Die Restaurierung des alten Hafenkrans geht auf ihn zurück. Als ehrenamtlicher Ortskurator war er das Gesicht der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in der Region Stade, und 2009 bekam er für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz (Daniel Beneke, Stader Tageblatt, 03.08.2016). Das Fresko des Altländer Malers Richard Eggers in Bützfleth, wo ich aufgewachsen bin, hat er ebenfalls gerettet, und die Jugendbauhütte hatte in ihm einen Unterstützer (Thorsten Penz, Kreiszeitung Wochenblatt, 17.08.2018).

Im Nachruf schrieb das Wochenblatt, er sei „aufgrund seines aufgeschlossenen, ruhigen und verbindlichen Wesens“ allseits beliebt gewesen. Ich habe den Austausch mit ihm und seinen Einsatz für die alten Reetdachhäuser sehr geschätzt.

Beteiligte

Bauherrin: Stader Stiftung für Kultur und Geschichte (Vorstand Dieter Kunze). Architekt: Martin Klett. Statik und Mithilfe: Klaus Krebber, ehrenamtlich. Denkmalpflege: Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Denkmalpfleger der Stadt Stade Oswald Lämmel. Lehmwände: Jugendbauhütte. Förderung: unter anderem Bingo-Umweltstiftung, Stadt Stade, Landesamt für Denkmalpflege, Dow. Reetarbeiten: Reetdachdecker Reinhold Junker, Dollern.

Fotos (44)

  • Die Durchfahrtsscheune im September 2016: das alte Dach, bemoost und ausgedünnt. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Altes Reet am First der Scheune vor der Sanierung. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Die Scheune vor der Sanierung, umgeben von Neubauten. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Fachwerk, Lehmgefache und das grüne Scheunentor. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Die Westecke mit dem Anbau, an dem das Dach am stärksten gelitten hatte. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Blick von innen unter das alte Dach: runde Latten, darauf das Reet. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Die alte Rundholzlattung von innen. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Innenansicht mit Backstein und Reet. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Licht fällt durch das schadhafte alte Dach. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Alte Bindung: Reetseile um die Rundhölzer. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Firmenwagen von Reetdachdecker Junker an der Scheune. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Planung am Zeichentisch: Ansichten der Scheune. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Eine Hand ergänzt die Zeichnung. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Pläne im Architekturbüro. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • November 2016: die Scheune eingerüstet, das neue Reet kommt aufs Dach. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Das neue Dach wächst Richtung First. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Dachleiter auf dem frischen Reet. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Arbeit hoch oben am First. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Aufstieg zum First. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Halmenden des neuen Reets. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Die frisch gedeckte Dachfläche zur Straße. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Arbeit am Giebel von der Arbeitsbühne. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Zu zweit wird das Reet am Giebel eingebracht. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Mit dem Klopfbrett wird das Reet an der Kante ausgerichtet. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Ein Reetdachdecker an der Giebelkante. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Mit dem Bund auf dem Weg nach oben. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Die Durchfahrtsscheune als Gemälde, vor der Sanierung. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • April 2017: die Scheune mit neuem Reetdach. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Die fertige Scheune hinter dem Bauzaun. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Die Scheune im Straßenbild. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Das Fachwerk vor der Restaurierung, das Dach ist schon fertig. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Die neue Dachkante über dem Fachwerk. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Lehmgefache zwischen den Fachwerkhölzern. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Der neue First der Scheune. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Das grüne Tor der Durchfahrtsscheune. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Innen: Durchfahrt, Backstein und Fachwerk. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Das neue Dach von innen: Rundholzlatten wie früher. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Sparren, Rundholzlatten und Reet von innen. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Ein Reetbund in der Scheune. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Reet vor der alten Lehmwand. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Frühling an der Scheune. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Giebelseite im Gegenlicht. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17

  • Reinhold Junker in der Durchfahrtsscheune an der Harburger Straße 74 in Stade, März 2017. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17 · Foto: Till Heidrich

  • Reinhold Junker mit dem Klopfbrett in der Durchfahrtsscheune, Stade. Stade, Harburger Straße 74, 2016/17