Ein Wintertag im Schilf: Reet schneiden mit der Hand
Jahrelang habe ich mein Reet beim Händler bestellt. Irgendwann dachte ich: Das haben die alten Reetdachdecker doch auch selbst gemacht. Das kannst du auch.

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Die Feuchtwiesen im Alten Land sind im Winter mein Revier gewesen. Sobald es morgens hell wird, geht es los, am besten nach einer Nacht mit ordentlich Frost. Bestes Erntewetter ist so um minus ein Grad, wenn der Boden noch ein bisschen gefroren ist. Dann lassen sich die Halme besonders leicht schneiden.
Nur im Winter, nur bei Frost
Geerntet wird von Dezember an, sobald es richtig friert und die meisten Blätter abgefallen sind. Bei Frost brechen die Halme leichter, und die Wurzeln bleiben in der Erde. So wächst das Reet im nächsten Jahr wieder nach. Die besten Halme sind zwei bis drei Meter lang.
So haben es schon die Bauern früher gemacht. Sie schlugen das Reet im Winter bei gefrorenem Boden an der Elbe, kämmten es, trockneten es und banden es auf (ZEITmagazin 2019).
Werkzeug wie zu Großvaters Zeiten
Viele Kollegen arbeiten mit der Mähmaschine. Ich habe lieber mit der Hand geschnitten, das wird sauberer. Meine Sense ist bestimmt 50 oder 60 Jahre alt, hat ein paar Wurmlöcher, tut aber ihre Sache. Ordentlich scharf, man kann sich damit rasieren. Es gibt natürlich auch Maschinen dafür, aber die sind modern und teuer.
1.500 Bunde für ein Dach, oder mehr
Für ein ganzes Dach braucht man viel Reet. 2010 habe ich im Fernsehen gesagt: je nach Größe 1.500 bis 1.800 Bunde. Allein mit der Hand ist man damit gut vier, fünf Wochen beschäftigt. Große Bauernhäuser brauchen deutlich mehr. Für das Haus in Götzdorf, das ich 2022 neu gedeckt habe, waren es 3.500 bis 4.000 Garben, jede 1,90 bis 2,30 Meter lang und 3,5 bis 5 Kilogramm schwer (Stader Tageblatt 2022). Dieses Reet kam aus der Türkei.
Nach der Ernte geht die Arbeit weiter: Bevor das Reet aufs Dach kommt, müssen alle Blätter und Bruchstücke herausgekämmt werden. Am Anfang hatte ich durchaus Schwierigkeiten. Wie haben die das früher gemacht? Bis man den Bogen raus hat, dauert es. Aber wer sein Reet selbst geerntet hat, kennt sein Material.
Warum heute so wenig hier geschnitten wird
Viele Reetflächen an unseren Flüssen und an der Küste dürfen nicht mehr beerntet werden. Manche stehen unter Naturschutz, andere sind als Ausgleichsflächen für Bauprojekte ausgewiesen (Stader Tageblatt 2022). Das hat Folgen: Wo das Schilf nicht geschnitten wird, bricht es ab und landet in den kleinen Nebenflüssen, die dann teuer geräumt werden müssen. Deshalb geht man inzwischen wieder dazu über, Reet in der Region zu schneiden. In Bützfleth hat ein Hausbesitzer 2024 das Reet für sein Dach selbst von der Schwinge geholt (Hamburger Abendblatt, 6. Mai 2024). Das freut mich.
Knochenarbeit mit schönen Momenten
Abends spürt man die Arme. Aber man ist draußen, an der frischen Luft, und weiß, was man geschafft hat. Und dann gibt es diese Momente: Einmal flog in der Dämmerung ein Graureiher über das Schilf. So etwas vergisst man nicht.

Ein Reporter hat mich mal gefragt, ob ich mit dem Beruf aufhören würde, wenn ich im Lotto gewinne. Für mich ist das wie eine Sucht. Ich habe von älteren Kollegen gelernt, die mit 90 noch aufs Dach gestiegen sind. Mehr über die Wege des Reets steht im Beitrag Woher kommt das Reet.
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