Warum gutes Reet erst nach dem Frost geerntet wird
Reet wächst jedes Jahr neu, am Graben, am Ufer, im Schilfgürtel. Aufs Dach kommt es aber erst, wenn der Winter seine Arbeit getan hat.

Viele haben es schon gesehen, ohne darüber nachzudenken: die langen Gräser am Wasser, die im Sommer grün stehen und im Winter goldgelb an derselben Stelle. Das ist Reet. Kommt niemand und erntet es, knickt es irgendwann um, stirbt ab und wird am Ufer zu Schlick. Man hat aber schon sehr früh erkannt, dass sich aus diesen Halmen ein Dach machen lässt.
Erst müssen die Blätter weg
Geerntet wird, wenn die Pflanze ihr Blatt abgeworfen hat. Meistens passiert das nach dem ersten Frost. Am besten ist eine längere Frostperiode, denn dann friert das Material trocken. Gearbeitet wird oft bei minus 10 bis minus 15 Grad, in anderen Regionen sogar bei noch deutlich tieferen Temperaturen. Was dabei herauskommt, ist ein schönes, trockenes Material.
Früher haben das bei uns die Bauern selbst gemacht. Das ZEITmagazin hat 2019 aufgeschrieben, wie ich es erzählt habe: Im Winter, wenn der Boden gefroren war, schlugen sie das Reet an der Elbe, kämmten es, trockneten es und banden es auf (ZEITmagazin 2019).
Vom Feld aufs Dach
Nach der Ernte wird das Reet sauber gemacht und zu Bunden gepackt. Dann geht es zum Dachdecker. Früher haben viele Reetdachdecker ihr Reet selbst geerntet, manche machen das bis heute. Auch ich habe das eine Zeit lang getan.
Heute hat das Reet oft einen weiten Weg hinter sich. Um die Jahrtausendwende wurden die Schilfflächen an der Elbe Naturschutzgebiete. Dann kam das Reet vom Neusiedler See und vom Plattensee, später aus Rumänien, der Türkei und China. Dem Hamburger Abendblatt habe ich 2024 erklärt, warum wir vom Ungarn-Reet weggegangen sind: Es war zu stark mit Phosphaten aus der Landwirtschaft belastet. Für das Bauernhaus in Götzdorf, das ich 2022 neu gedeckt habe, kam das Reet aus der Türkei (Stader Tageblatt 2022).
Es gibt aber auch eine Gegenbewegung. Wo das Schilf unter Naturschutz nicht mehr geschnitten wurde, brach es ab und landete in den kleinen Nebenflüssen, die teuer davon befreit werden mussten. Deshalb wird inzwischen wieder geschnitten und in der Region verarbeitet. In Bützfleth hatte ein Eigentümer 2024 das Reet für sein Dach selbst von der Schwinge besorgt (Hamburger Abendblatt, 6. Mai 2024). Mehr über die Wege des Reets steht im Beitrag Woher kommt das Reet.
Warum selbst ernten so viel lehrt
Während meiner Lehre durfte ich bei einem Kollegen mit zur Ernte, der sein eigenes Reet geschnitten und verarbeitet hat. Das hat mir viel gegeben. Wer selbst Reet geerntet hat, versteht das Material besser. Man fühlt es besser und kann gutes und schlechtes Reet leichter auseinanderhalten. Das ist wichtig, denn auf dem Dach muss das richtige Reet an die richtige Stelle.
Leider gehört die Reeternte heute nicht mehr zur Ausbildung. Wer sie kennenlernen will, muss einen Betrieb finden, der noch selbst erntet. Es lohnt sich. Wie so ein Tag im Schilf aussieht, beschreibe ich im Beitrag Reet schneiden mit der Hand.
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